Historischer Hintergrund

 

Historischer Hintergrund


 

Das Projekt „ Vorurteile? – Kenn' ich nicht!“ hat unter anderem das Ziel, an die Nürnberger Rassengesetze zu erinnern. Diese sind ein besonders dramatisches Beispiel für die katastrophalen Wirkungen von unhinterfragten und unkontrollierbaren Vorurteilen. Die Nürnberger Rassengesetze wurden am 15. September 1935 von den Nazis eingeführt und sollten eine Verdrängung und Verfolgung der europäischen Juden rechtlich ermöglichen. Später wurden durch das Gesetz auch Sinti und Roma verfolgt.
Die Nazis wollten dadurch die „Reinhaltung des deutschen Blutes“ sichern. Die Gesetze beinhalteten z.B. ein Verbot von Beziehungen mit Nicht-Juden.
Die Verfolgung von Minderheiten nahm in der NS-Zeit ein weites Ausmaß an. Auch andere Gruppen wie Homosexuelle, Schwarze oder Menschen mit einer Behinderung wurden diskriminiert und verfolgt. Diese waren alles Personen, die nicht in die gewünschte deutsche „Volksgemeinschaft“ passten. Aus Vorurteilen entstanden Feindbilder. Diese Situation spitzte sich durch Propaganda und Hetze drastisch zu.
Auch nach 1945 hielten entstandene Feindbilder und Vorurteile an. Zum Beispiel die gesetzliche Diskriminierung von Homosexuellen oder die Verweigerung der „Wiedergutmachung“ an die NS-Opfer der Sinti und Roma. Bis heute sind viele der Meinung, dass diese zu Recht verfolgt wurden.

Mit dem Blick auf den historischen Hintergrund diskutierten die Teilnehmenden unter anderem mit Elke Gryglewski vom Haus der Wannsee-Konferenz, beispielsweise wie lange es bereits Vorurteile gibt und ob es heute mehr Vorurteile als vor 20 Jahren gibt.

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Zeitstrahl


  • 18991899

    Gründung der ersten „Zigeunerzentrale“ zur systematischen Registrierung und Verfolgung bzw. Beobachtung der Sinti und Roma durch die Polizeidirektion München.
  • 19331933

    Die ersten homosexuellen Männer werden in Konzentrationslager eingewiesen. Die Nationalsozialisten verbieten die Organisationen der Schwulen und Lesben.
  • 193314.07.1933

    Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Wer als erbkrank diagnostiziert wird, kann zwangssterilisiert werden.
  • 19351935

    § 175 des Reichsstrafgesetzbuches wird verschärft. Jede Form von „Unzucht“ unter Männern wird unter drakonische Strafe gestellt.
  • 19351935

    Gesetzesänderung ermöglicht „kriminalpolitisch indizierte Kastration“ homosexueller Männer. Um Strafhaft und KZ zu entgehen, sehen sich viele verurteilte Homosexuelle gezwungen, die „freiwillige“ Kastration zu wählen.
  • 19351935

    Nach Erlassen der Nürnberger Gesetze verlieren „Kolonialmigranten“ die deutsche Staatsbürgerschaft.
  • 19351935

    Nürnberger Gesetze: rechtliche Grundlage zur Verfolgung von Juden und Sinti und Roma. Beziehungen zu Deutschen verboten.
  • 19371937

    Illegale Zwangskastrationen von „Rheinlandkindern“, um das „Deutsche Erbgut“ zu schützen.
  • 193714.12.1937

    Grunderlass zur „Vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“: Wer „durch sein asoziales Verhalten die Allgemeinheit gefährdet“, kann in ein Konzentrationslager eingewiesen werden.
  • 19381938

    Verhaftung von 10.000 „Asozialen“ im Rahmen der sogenannten Aktion „Arbeitsscheu Reich“.
  • 1940-19411940-1941

    „Aktion T4“. Menschen mit Behinderung werden durch zentralisierte Planung durch Gas getötet.
  • 19431943

    Im Deutschen Reich lebende Sinti und Roma werden auf Befehl Heinrich Himmlers nach Ausschwitz deportiert.
  • 1940-19451940-1945

    Ermordung von Menschen mit Behinderung durch „Medikamenteneuthanasie“ oder durch gezieltes Verhungern.
  • 19461946

    Anders als andere Nazigesetze heben die Alliierten die Verschärfung des § 175 nicht auf. Befreite Homosexuelle werden mitunter zur Verbüßung ihrer Reststrafe in den normalen Vollzug überstellt.
  • 19461946

    Rekonstruktion der „Zigeunerstelle“ in München, Übernahme der gesammelten Daten und Dokumente -> Landfahrerstelle, Teil des bayrischen Landeskriminalamtes.
  • 19521952

    Ergebnis eines Bundestagsausschusses: „Negermischlinge stellen ein menschliches und rassisches Problem besonderer Art dar.“ Politiker und Jugendpfleger hätten erwogen, protokollierte damals die Zeitschrift „Das Parlament“, die „Mischlinge“ in das „Heimatland ihrer Väter“ zurückzuschicken. „Schon allein die klimatischen Bedingungen“ seien ihnen in “unserem Land nicht gemäß“ .
  • 19551955

    Richterlicher Beschluss, dass Zwangssterilisierte nicht bei Entschädigungszahlungen berücksichtigt werden können.
  • 19561956

    Das Bundesentschädigungsgesetz für Opfer des Nationalsozialismus wird verkündet. Verfolgung aufgrund der Homosexualität wird nicht als typisches NS-Unrecht anerkannt.
  • 19561956

    Deutsches Bundesverfassungsgericht verweigert Sinti und Roma Wiedergutmachungszahlung.
  • 195629.06.1956

    Verabschiedung des Bundesentschädigungsgesetzes. „Asoziale“ werden bei der „Wiedergutmachung“ nicht berücksichtigt.
  • 19571957

    Die Verfassungsrichter urteilen: „Gleichgeschlechtliche Betätigung verstößt eindeutig gegen das Sittengesetz.“ und stuft den § 175 in der Fassung von 1935 als „ordnungsgemäß zustande gekommen“ ein.
  • 19651965

    Bundesentschädigungsschlussgesetz verweigert erneut Entschädigungszahlung für „Asoziale“, da Inhaftierung nicht aus Gründen der „Rasse“, des Glaubens oder der Weltanschauung.
  • 19691969

    In der Bundesrepublik tritt die erste Reform des § 175 StGB in Kraft. Homosexualität unter Erwachsenen wird straffrei.
  • 19701970

    Die noch bestehende „Landfahrerstelle“ der bayrischen Kriminalpolizei zur Registrierung deutscher Sinti und Roma wird als verfassungswidrig eingestuft und aufgelöst.
  • 19821982

    Überlebende dürfen erstmals im Bundestag vorsprechen und erhalten nun eine einmalige Zahlung von 500 DM sowie eine Minirente (heute 120€).
  • 19821982

    Bundeskanzler Schmidt erkennt Genozid an Sinti und Roma an.
  • 19821982

    Gründung des ersten deutschen Sinti und Roma Verbandes -> Zentralrat deutscher Sinti und Roma.
  • 19941994

    Der § 175 wird in der BRD endgültig aufgehoben.
  • 19981998

    Der Paragraf 22 des Bundespolizeigesetzes etabliert „Racial Profiling“ im Polizeialltag. Durch diesen Paragrafen, werden überwiegend Menschen in eine Polizeikontrolle verwickelt, die nicht „typisch deutsch“ aussehen.
  • 20022002

    Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile. Verurteilungen wegen homosexueller Handlungen bis 1945 werden aufgehoben.
  • 20082008

    Eröffnung des Mahnmals für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus in Berlin
  • 20122012

    Gesetzesvorschlag zur Aufhebung der Urteile wegen homosexueller Handlungen nach 1945 wird abgelehnt. Eine Rehabilitierung der Verurteilten bleibt aus.
  • 20122012

    Eröffnung des Mahnmahls in Berlin für Sinti und Roma.
  • 20142014

    Eröffnung des Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde in Berlin.
  • 20162016

    Sogenannte Asoziale gehören auch zu den Hauptopfern rassistischer, fremdenfeindlicher und xenophobischer Gewalt.
  • 20162016

    Menschen mit starker Behinderung, die auf Assistenz angewiesen sind, dürfen höchstens 2.600 € besitzen. Weitere Verdienste werden vom Staat eingezogen.